ITE-Blog // Hintergrundwissen
„Souveräne Cloud“ und europäische Wertschöpfung
Souverän ist nicht gleich souverän
Souverän ist 2026 zum Verkaufsargument der Cloud-Branche geworden. AWS betreibt seit Anfang des Jahres eine eigene, vollständig in der EU angesiedelte Cloud mit Abrechnung in Euro, eigenem Personal und einer separaten Rechtsperson nach deutschem Recht. Microsoft bietet mit einem lokal betriebenen Pendant Vergleichbares. Diese Angebote sind technisch und organisatorisch beachtlich. Für eine belastbare Beschaffungsentscheidung lohnt es sich dennoch, genauer hinzusehen, denn hinter dem einen Wörtchen souverän verbergen sich mehrere sehr unterschiedliche Zusagen.
In der Praxis lassen sich diese Zusagen entlang mehrerer Stufen ordnen. Am einfachsten zu erfüllen ist der Speicherort: Wo liegen die Daten physisch? Etwas anspruchsvoller ist der Betrieb: Wer administriert, wartet und hat im Zweifel Zugriff auf das System? Beides lässt sich vertraglich und technisch zusichern, und genau daran arbeiten die großen Anbieter mit erheblichem Aufwand. Wirtschaftlich am wichtigsten ist jedoch die Frage, die sich vertraglich nicht wegdefinieren lässt: Welchem Recht unterliegt der Anbieter am Ende, und wohin fließt der Betrag, den ein Kunde für die Leistung bezahlt? Diese Ebene hängt nicht am Standort der Server, sondern an der Eigentümer- und Konzernstruktur des Anbieters.
Wo investiert wird, entsteht die Wertschöpfung
Für eine unternehmerische Betrachtung ist die letzte dieser Stufen entscheidend, und zwar aus einem einfachen Grund. Die europäische Rechenzentrumsbranche steht vor einer Investitionswelle: Für die Jahre 2026 bis 2031 werden kumulierte Investitionen von rund 176 Milliarden Euro in europäische Rechenzentren erwartet, annähernd eine Verdopplung gegenüber der Vorjahresschätzung.(1) Der für die eigene Beschaffung relevante Punkt: Der weitaus größte Teil dieses Kapitals stammt bislang von Akteuren außerhalb Europas.(2) Damit entscheidet sich gerade jetzt, wem die Infrastruktur der kommenden Jahre gehört, wer sie betreibt und wer den wirtschaftlichen Ertrag daraus behält.
Zahlt ein Unternehmen für eine in Europa betriebene, konzernrechtlich aber außereuropäische Lösung wie beispielsweise AWS, wird die Leistung zwar vor Ort erbracht, der erwirtschaftete Wert wandert in der Regel jedoch über Lizenz- und Gewinnabführungen zur Konzernmutter. Welche Dimension das annehmen kann, zeigt ein öffentlich dokumentierter Fall: Die irischen Microsoft-Gesellschaften führten 2025 rund 50 Milliarden US-Dollar an Dividenden an die Muttergesellschaft ab.(3) Das soll ausdrücklich kein Vorwurf sein: Das ist die übliche Mechanik eines internationalen Konzerns. Für den europäischen Standort bedeutet es aber, dass investiertes Geld, statt hier in Anlagen, Personal und Steueraufkommen zurückzufließen, wieder in Übersee landet und dem europäischen Wirtschaftsraum damit fehlt.
Die Wertschöpfung beginnt und endet nicht bei der Software
Wer allein über Cloud-Software spricht, verkürzt das Bild. Hinter jeder Cloud steht eine physische Kette: Server und Speichersysteme, das Rechenzentrum selbst, seine Energieversorgung, die Kühltechnik und zahlreiche weitere Komponenten für den Dauerbetrieb. Gerade hier liegt eine oft unterschätzte Stärke europäischer Anbieter. In Europa werden leistungsfähige Serversysteme entwickelt und gebaut, energieeffiziente Rechenzentren errichtet und eigenständige Kühlkonzepte umgesetzt, bis hin zur Nutzung der entstehenden Abwärme für kommunale Wärmenetze. Eine europäische Beschaffung trägt diese gesamte Kette vom Gerät bis zur Anwendung und stärkt damit nicht einen einzelnen Software-Anbieter, sondern ein ganzes industrielles Umfeld.
Dieses Umfeld zu stärken liegt im unmittelbaren Eigeninteresse jedes Unternehmens, das auf verlässliche und bezahlbare IT-Infrastruktur angewiesen ist, heute also praktisch jedes Unternehmens. Eine wirtschaftlich gesunde Anbieterlandschaft bedeutet mehr Auswahl, weniger Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten und auf Dauer besseren Preiswettbewerb. Wer heute europäische Lösungen mitträgt, investiert damit auch in die eigene künftige Handlungsfreiheit.
Nachfrage als Hebel, mit realistischem Blick auf die Kosten
Jede Beschaffungsentscheidung ist zugleich ein Signal an den Markt. Wer eine europäische Lösung wählt, finanziert deren Ausbau mit und damit ihre künftige Konkurrenzfähigkeit. Dass diese Logik trägt, lässt sich beobachten: Ein französischer Anbieter für KI-Modelle hat seinen Jahresumsatz binnen eines Jahres auf über 400 Millionen Dollar vervielfacht, den größeren Teil davon mit europäischen Kunden.(4) Die EU-Kommission hat zudem einen eigenen Cloud-Auftrag im Volumen von 180 Millionen Euro gezielt an mehrere europäische Anbieter vergeben.(5) Tragfähige Angebote existieren also und wachsen mit der Nachfrage.
Transparent bleibt die Argumentation nur, wenn sie die Kostenseite nicht ausblendet. In der Branche wird darauf verwiesen, dass Unternehmen im Schnitt kaum mehr als fünf bis zehn Prozent Aufpreis für europäische IT zu zahlen bereit sind, während europäische Rechenzentren real spürbar teurer arbeiten als außereuropäische, bedingt durch Energiepreise, Personalkosten, langwierige Genehmigungen und Engpässe im Stromnetz.(6) Die Schlussfolgerung daraus ist nicht Verzicht, sondern eine bewusste Auswahl: Souveränität dort einkaufen, wo sie einen konkreten geschäftlichen Nutzen stiftet, und die Kostenlücke über wachsende Nachfrage und Skalierung Schritt für Schritt schließen. Die Richtung stimmt, das Tempo entscheidet sich über die gemeinsame Nachfrage.
Was das für die Beschaffung bedeutet
Für Unternehmen und Behörden folgt daraus eine pragmatische Prüfroutine. Ein Souveränitätslabel allein beantwortet den wirtschaftlich wichtigsten Teil der Frage noch nicht. Wer Anbieter vergleicht, sollte gezielt darauf achten, welcher Eigentümer- und Konzernstruktur ein Anbieter unterliegt, wie tief die europäische Wertschöpfung tatsächlich reicht, von der Hardware bis zur Anwendung, und wohin die gezahlten Beträge am Ende fließen. Die EU-Kommission hat mit dem Cloud and AI Development Act (CADA) ein gestuftes Rahmenwerk vorgelegt, das genau diese Unterscheidung für die öffentliche Beschaffung nutzbar macht. Siehe auch unsere Einordnung zum EU-Souveränitätspaket.
Wie ein Anbieter aussehen kann, der die wirtschaftlich entscheidende Stufe erfüllt, zeigt das ITE-Mitglied Yorizon GmbH & Co. KG: Das Unternehmen betreibt seine Rechenzentren ausschließlich in Deutschland und Österreich, setzt auf einen quelloffenen Technologiestack und verbindet europäische Serverhardware mit energieeffizienter Rechenzentrums- und Kühltechnik. Genauso zeigen unsere Mitglieder Schäfer Ausstattungssysteme GmbH bzw. SCHÄFER IT-Systems und die Thomas-Krenn.AG, wie vollständig integrierte und innovative Servertechnologie für Rechenzentren funktionieren kann: Mit einem wassergekühlten Hochleistungsserver von Thomas-Krenn im eigens darauf abgestimmten Kühl-Rack von SCHÄFER IT-Systems haben beide eine gemeinsame Infrastrukturplattform Made in Germany entwickelt, die mit Direct Liquid Cooling der steigenden Rechenleistung und Wärmeentwicklung durch KI-Anwendungen effizient begegnet und die entstehende Abwärme nutzbar macht.
- EUDCA / Data Center Knowledge, State of European Data Centres 2026 (Februar 2026): Quelle öffnen ↩
- Techzine, Europe’s data center market booms, EUDCA-Einordnung (März 2026): Quelle öffnen ↩
- Irish Times, Microsoft’s Irish subsidiaries paid close to $50bn in dividends to parent in 2025 (10.04.2026): Quelle öffnen ↩
- Startup Fortune, Mistral AI at €20 billion is a bet on European sovereign AI (Juni 2026): Quelle öffnen ↩
- The Next Web, EU awards its €180 million sovereign cloud contract (06.05.2026): Quelle öffnen ↩
- DigiTimes, Europe’s AI infrastructure: the cost gap that policy cannot paper over (22.06.2026): Quelle öffnen ↩


