ITE-Blog // Analyse
Souveränitäts-Washing bei IT-Hardware: Etikett, statt Substanz
Souveränitäts-Washing ist bei Cloud-Diensten längst ein feststehender Begriff. Wenn eine US-Cloud eine Tochtergesellschaft mit Sitz in Frankfurt gründet, aber Quellcode-Pflege, Update-Zeitpunkte und Preismodelle weiterhin aus den USA steuert, sprechen Fachleute inzwischen offen von einem Etikett ohne Substanz. Bei physischer IT-Hardware, also Servern, Mainboards und Endgeräten, fehlt diese kritische Debatte bislang fast vollständig, obwohl die gleiche Frage genauso berechtigt ist: Was bedeutet ein Made-in-Europe-Label eigentlich, wenn die eigentliche Wertschöpfung woanders stattfindet?
Ein Begriff, der in der Cloud längst angekommen ist
Konkret wurde die Kritik im April 2026, als die EU-Kommission im Rahmen einer 180-Millionen-Euro-Ausschreibung erstmals ihr Cloud Sovereignty Framework1 anwendete. Drei der vier bezuschlagten Anbieter erreichten die zweithöchste Stufe SEAL-3, ein viertes Konsortium blieb bei SEAL-2 stehen und wurde dennoch als förderfähig anerkannt. Der Branchenverband CISPE, der zahlreiche europäische Cloud-Anbieter vertritt, kommentierte das öffentlich2 als klares Eigentor und warnte, dies drohe, Souveränitäts-Washing auf höchster Ebene zu institutionalisieren.
Die Reaktion darauf zeigt, dass Kriterien wirken, sobald sie existieren: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik veröffentlichte im April 2026 mit den C3A-Kriterien3 einen eigenen Katalog, der Cloud-Souveränität erstmals in mehreren Domänen messbar macht. Bis heute gibt es dafür allerdings noch kein offizielles Testat-Verfahren.
Die gleiche Frage stellt sich bei Hardware
Was für Cloud-Dienste inzwischen diskutiert wird, gilt für Hardware wie Server und andere Clients bzw. Endgeräte genauso, nur schaut hier noch kaum jemand konsequent hin. Ein anschauliches Beispiel liefert eine Fabrik im ungarischen Budapest, die Server und Desktop-Rechner unter dem Label Made in EU for EU fertigt. Das Fachportal Notebookcheck4 hält dazu sinngemäß fest: To be clear: Lenovo only assembles the product in Europe. The supply chain is still world-wide, with most components naturally being made in China and the rest of Asia. Das ist keine Täuschung, das Unternehmen kommuniziert das offen. Es zeigt aber exemplarisch, wie viel Interpretationsspielraum das Label Made in Europe zulässt: Es kann eine durchgängige Entwicklungs- und Fertigungskette bedeuten, oder eben nur die letzte Station vor dem Versand.
Wie groß der Unterschied ausfallen kann, zeigt ein Blick nach Augsburg. Bis 2020 lag dort mit rund 1.500 Beschäftigten die letzte vollständige PC-Entwicklung und -Fertigung Europas, bei Fujitsu. Als der Standort schloss, führte Kontron Europe, Mitglied im ITE – Verein für IT aus Europa, das dortige Mainboard-Geschäft fort, inklusive eigener Designs, Fertigungsanlagen und eingespieltem Entwicklungsteam. Ein Kontron-Manager begründet das mit kurzen Lieferzeiten, geringeren Transportkosten und einer deutlich erhöhten Versorgungssicherheit5, auch mit Blick auf staatlich orchestrierte Cyberangriffe. Das ITE-Mitglied EXTRA Computer geht mit der Business-PC-Reihe exone Business EUROPA einen ähnlichen Weg und setzt dabei nach eigenen Angaben auf RAM und SSDs aus europäischer Fertigung sowie auf Mainboards von Kontron.
Was echte Wertschöpfungstiefe von Endmontage unterscheidet
Der Unterschied lässt sich an einer einfachen Frage festmachen: Wird in Europa entwickelt, oder wird in Europa nur zusammengebaut? Der Speicher- und Sicherheitsspezialist Swissbit6 macht diesen Unterschied zu seinem zentralen Argument und wirbt damit, Hardware, Firmware und Fertigungsprozesse vollständig im eigenen Haus in Deutschland und der Schweiz zu kontrollieren, von der Entwicklung bis zur Auslieferung. Genau diese Tiefe, nicht der Sitz einer Landesgesellschaft, entscheidet darüber, ob ein Anbieter im Ernstfall unabhängig handeln kann, etwa bei Lieferengpässen, Sicherheitsupdates oder politischem Druck auf einen ausländischen Mutterkonzern.
Warum das für Ihre Beschaffung zählt
Laut einer Bitkom-Studie7 vom November 2025 importieren 93 Prozent der deutschen Unternehmen Endgeräte wie Smartphones und Notebooks, 74 Prozent importieren Komponenten wie Chips und Sensoren. 89 Prozent der importierenden Firmen fühlen sich dadurch abhängig, gut die Hälfte davon sogar stark. Für Ihre Beschaffung heißt das: Ein Made-in-Europe-Aufkleber beantwortet diese Abhängigkeitsfrage nicht automatisch. Wer sie wirklich beantworten will, sollte vier Dinge konkret abfragen:
- Wo werden die Kernkomponenten entwickelt, nicht nur verbaut, etwa Mainboard, Firmware und Controller?
- Wer kontrolliert Firmware- und BMC-Updates, und unter welcher Rechtsordnung?
- Wie tief reicht die dokumentierte Lieferkette zurück, bis zum Bauteil oder nur bis zum letzten Montageschritt?
- Was passiert im Ernstfall, wenn der Mutterkonzern außerhalb der EU zu Restriktionen gezwungen wird?
Was jetzt fehlt
Für Cloud-Dienste gibt es inzwischen mit SEAL und C3A zumindest den Versuch einer messbaren Sprache. Für physische Hardware existiert bislang kein vergleichbares Kriterienraster, das über eine reine Herkunftskennzeichnung hinausgeht. Genau diese Lücke soll das im Aufbau befindliche ITE-Gütesiegel IT aus Europa schließen: Es bewertet nicht ausschließlich den Firmensitz, sondern unter anderem auch die tatsächliche europäische Wertschöpfungstiefe und die Nutzung von EU-Komponenten. Bis das Siegel vollständig ausgerollt ist, bleibt die ITE-Mitgliedschaft das unmittelbar verfügbare Signal: Herkunft ist der Anfang, maximale europäische Wertschöpfung ist das Ziel, und die lässt sich nur an der Fertigungstiefe ablesen, nicht am Aufdruck auf dem Karton.
Quellen
- European Commission, „Sovereign Cloud Framework explained“, 01.06.2026, commission.europa.eu
- The Register, „Europe picks 4 sovereign cloud providers, but one has Google“, 20.04.2026, theregister.com
- BSI, „C3A – Criteria enabling Cloud Computing Autonomy“, 27.04.2026, bsi.bund.de
- Notebookcheck, „Made in EU for EU in the era of trade-wars: Inside Lenovo’s only European PC factory“, notebookcheck.net
- IT-BUSINESS, „Chips, Cloud und Komponenten aus Europa“, it-business.de
- Swissbit, „Supply Chain Security und Souveränität made in Europe“, swissbit.com
- Bitkom-Studie „Europas Weg in die digitale Souveränität“, 13.11.2025, bitkom.org


