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EU und Indien vertiefen Kooperation bei Halbleitern

Themengebiete: EU-Indien, Lieferkette, Diversifizierung, europäische Wertschöpfung

Digitale Souveränität wird oft mit maximaler Unabhängigkeit gleichgesetzt. Das dritte EU-Indien Trade and Technology Council zeigt: Im Gesamtbild gehören auch verlässliche, diversifizierte Partnerschaften dazu, auch wenn sie den Aufbau eigener Kapazität nicht ersetzen.

Autor: : ITE-Redaktion

Veröffentlicht: 23. Juli 2026

Ein drittes Treffen mit konkreten Ergebnissen

Am 15. Juli 2026 kamen die Europäische Union und Indien in Brüssel zum dritten Mal im Rahmen des Trade and Technology Council (TTC) zusammen. Auf europäischer Seite saßen Exekutiv-Vizepräsidentin Henna Virkkunen (zuständig für Technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie), Kommissar Maroš Šefčovič und Kommissarin Ekaterina Zaharieva am Tisch, auf indischer Seite Außenminister S. Jaishankar, Handelsminister Piyush Goyal und der Staatsminister für Elektronik und IT, Jitin Prasada. In drei Arbeitsgruppen wurden Vereinbarungen zu strategischen Technologien, sauberen Technologien sowie Handel und resilienten Lieferketten getroffen.

Bei Halbleitern einigten sich beide Seiten unter anderem auf ein gemeinsames Roundtable-Gespräch anlässlich der Semicon India 2026, vertiefte Zusammenarbeit bei Forschung, Kapazitätsaufbau und fortschrittlicher Fertigung sowie die Prüfung einer Verknüpfung von Design-Einrichtungen der India Semiconductor Mission mit den Pilotlinien des europäischen Chips Act. Am 17. Juli 2026 haben beide Seiten zudem formale Verhandlungen über eine indische Assoziierung zu Horizon Europe aufgenommen, mit dem Ziel eines Abschlusses noch in diesem Jahr.

Souveränität heißt auch: nicht von einer Abhängigkeit in die nächste

In der öffentlichen Debatte wird digitale Souveränität oft mit Autarkie gleichgesetzt: Europa soll möglichst alles selbst entwickeln, fertigen und betreiben. Als langfristige Richtung ist das richtig, als alleinige Strategie schwierig, wie der ITE – Verein für IT aus Europa bereits in der Einordnung zu Made in Europe herausgearbeitet hat. Im Gesamtbild gehört daneben auch die zweite Seite dazu: Wer die eigenen Abhängigkeiten kennt, kann sie gezielt diversifizieren, statt sie nur von einem Anbieter oder einer Region zur nächsten zu verschieben. Das ersetzt den Aufbau eigener Kapazität nicht, macht ihn aber tragfähiger.

Genau das leistet die vertiefte EU-Indien-Kooperation bei Halbleitern. Sie ersetzt nicht den Aufbau eigener europäischer Fertigungskapazität, wie ihn etwa der vollständig europäische Fertigungsablauf für sicherheitskritische Chips von GlobalFoundries und Qualinx zeigt. Sie ergänzt ihn um eine international abgesicherte Lieferantenbasis, die nicht ausschließlich auf wenige, bereits konzentrierte Regionen setzt.

Was das für die europäische Wertschöpfungskette bedeutet

Investitionen wie die kürzlich genehmigten deutschen Chip-Beihilfen zeigen, wie viel Kapital derzeit in eigene europäische Fertigungskapazität fließt. Parallel dazu braucht jede Lieferkette, die auf Halbleitern aufbaut, verlässliche Partner für Komponenten, Rohstoffe und Fertigungskapazität, die Europa auf absehbare Zeit nicht allein decken kann. Eine strukturierte Partnerschaft mit einem demokratisch verfassten, wirtschaftlich wachsenden Partner wie Indien reduziert genau dieses Risiko.

Realistisch bleibt: Der Großteil der aktuellen Vereinbarungen ist zunächst eine Absichtserklärung. Konkrete Ereignisse wie der Roundtable zur Semicon India 2026 stehen noch aus. Zudem ist Indiens eigene Halbleiterfertigung bislang vor allem auf Design, Verpackung und Test ausgerichtet, weniger auf hochkomplexe Chipfertigung. Kurzfristige Entlastung bei akuten Lieferengpässen ist von dieser Kooperation daher nicht zu erwarten, wohl aber ein tragfähigeres Fundament für die kommenden Jahre.

Relevanz für Beschaffung und Mitgliedschaft im ITE

Wenn Sie europäische IT-Hardware entwickeln, fertigen oder integrieren, wirkt sich jede Diversifizierung in der vorgelagerten Halbleiter-Lieferkette unmittelbar auf Ihre Verfügbarkeit und Preisstabilität aus. Für Ihre Beschaffung bedeutet das: Es zählt nicht mehr nur, woher ein Bauteil stammt, sondern auch, wie breit und wie transparent die dahinterliegende Lieferkette abgesichert ist.

Der ITE begleitet genau diesen Wandel. Die Mitgliedschaft im ITE ist schon heute das praktische Argument, wenn Sie Ihre europäische Wertschöpfung sichtbar machen wollen. Das im Aufbau befindliche Gütesiegel IT aus Europa wird diese Sichtbarkeit künftig zusätzlich mit vergleichbaren Kriterien unterlegen. Für Mitglieder heißt das schon jetzt: Wer offenlegen kann, wie divers und belastbar die eigene Lieferkette aufgestellt ist, ist auf künftige Beschaffungsanforderungen besser vorbereitet.

Ausblick

Bis Jahresende sollen die Details zur neuen TTC-Governance sowie der Abschluss der Horizon-Europe-Verhandlungen stehen. Für die europäische IT-Branche lohnt sich ein Blick auf das für 2026 angekündigte Halbleiter-Roundtable-Gespräch bei der Semicon India: Es dürfte zeigen, wie viel aus der politischen Absicht tatsächlich an konkreten Lieferbeziehungen wird.

Für den ITE ist eine solche Kooperation grundsätzlich zu begrüßen: Der Austausch mit einem wachsenden Partner wie Indien öffnet den eigenen Horizont und kann eigenes Know-how stärken, etwa bei Fertigungsverfahren, Materialforschung oder Ausbildung. Entscheidend bleibt dabei, wie viel der daraus entstehenden Wertschöpfung tatsächlich nach Deutschland und Europa zurückfließt, in Form von Patenten, Fertigungskapazität, Arbeitsplätzen und eigenem geistigem Eigentum, nicht nur als politische Absichtserklärung.

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